Du stehst vor deinem Kamerabildschirm, schaust auf ein Foto und denkst: „Was genau sehe ich hier eigentlich?“ Vielleicht ist es ein Wirrwarr aus Farben, Formen oder Texturen, das keinen klaren Gegenstand mehr zeigt. Genau das ist oft der erste Moment, in dem man mit der abstrakten Kunstfotografie Berührungspunkte hat. Viele fühlen sich anfangs unsicher. Gehört das überhaupt noch zur Fotografie? Ist das überhaupt „echt“? Ich sage dir: Ja, das ist es. Lass uns gemeinsam diesen faszinierenden Bereich der visuellen Kunst erkunden. Ich zeige dir, wie du selbst abstrakte Fotografien erstellst und was diese Bilder so besonders macht.
Was ist abstrakte Kunstfotografie überhaupt?
Im Grunde befreit die abstrakte Fotografie das Bild vom direkten Abbild der Wirklichkeit. Stattdessen geht es darum, Gefühle, Stimmungen oder reine visuelle Elemente wie Linie, Farbe, Form und Textur in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist wie Musik: Du hörst Töne, aber du siehst keinen Stuhl oder Baum, trotzdem löst es etwas in dir aus. Dein Ziel als Fotograf ist es, diese Essenz einzufangen, nicht die Szene selbst.
Viele denken, abstrakte Bilder entstehen zufällig. Das stimmt nur teilweise. Zwar spielt der Zufall oft eine Rolle, aber die besten Ergebnisse kommen heraus, wenn du bewusst nach diesen Elementen suchst. Es geht darum, das Gewohnte zu brechen und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Surrealistische Fotografie ist die logische Weiterentwicklung dieser Idee, bei der du Traumszenarien in die Realität holst. Vielleicht suchst du nach Mustern in einer rostigen Wand oder der Reflexion von Licht in einer Pfütze. Das ist der Kern der kreativen abstrakten Fotografie.
Die Abgrenzung: Abstrakt vs. Dokumentarisch
Im Gegensatz zur Dokumentarfotografie, die dir zeigen soll, wie etwas ist (zum Beispiel ein Bericht über eine Veranstaltung), interessiert sich die abstrakte Fotografie dafür, wie etwas wirkt. Du fotografierst nicht mehr die Blumenwiese, sondern das Spiel von Grün- und Gelbtönen, das durch Bewegung verschwimmt. Du entfernst den Kontext und lässt die reine Ästhetik sprechen. Wenn du dich fragst, ob dein Bild abstrakt ist: Zeigt es primär visuelle Eigenschaften statt eines erkennbaren Objekts, bist du auf dem richtigen Weg.
Wie du den Blick für das Abstrakte schärfst

Der wichtigste Schritt, um gute abstrakte Fotografie zu machen, ist eine Veränderung deiner Wahrnehmung. Dein Gehirn ist darauf trainiert, schnell Objekte zu erkennen. Wenn du zum Beispiel durch einen Wald gehst, siehst du „Bäume“. Für abstrakte Bilder musst du lernen, „vertikale Linien, unterschiedliche Brauntöne und Schattenmuster“ zu sehen. Wie du Linien und Licht gezielt einsetzt, um Emotionen zu erzeugen, erfährst du am Beispiel der Bauhaus-Fotografie und der Macht der Linien.
Hier sind einige praktische Übungen, die dir helfen, deinen Blick umzustellen:
- Der Textur-Spaziergang: Nimm deine Kamera und laufe durch deine Nachbarschaft. Erlaube dir nur, Oberflächen zu fotografieren. Rost, Beton, Holzmaserung, nasse Blätter. Konzentriere dich nur auf Haptik und Muster.
- Fokus auf Details: Wähle ein alltägliches Objekt – eine Kaffeetasse, einen Schlüsselbund. Fotografiere es so nah, dass es fast sein Gesicht verliert und nur noch Formen und Schatten sichtbar sind.
- Farben isolieren: Wähle eine Farbe, die dir gefällt (zum Beispiel Blau). Fotografiere alles, was diese Farbe enthält, egal was das Objekt ist. Die Wiederholung der Farbe schafft eine neue Einheit.
Technische Wege zur abstrakten Fotografie
Du brauchst keine exotische Ausrüstung, um beeindruckende abstrakte Bilder zu erzeugen. Oft sind es die grundlegenden Einstellungen, die du bewusst veränderst, die zum Erfolg führen. Hier geht es darum, Kontrolle über Unschärfe, Bewegung und Perspektive zu gewinnen.
VIDEO: Faszination Fotografie
Bewegung als Gestaltungsmittel nutzen
Bewegung ist ein fantastisches Werkzeug für die Abstraktion. Wenn du das Motiv bewegst oder die Kamera bewegst, während der Verschluss offen ist, verschwimmen die Formen und du erhältst malerische Effekte.
Für die Bewegungsunschärfe in der Fotografie probiere Folgendes:
- Kamerabewegung (Panning/Schwenken): Stelle deine Kamera auf einen relativ langsamen Verschlusszeitpunkt ein, vielleicht 1/15 oder 1/8 Sekunde. Fotografiere etwas, das sich bewegt, wie ein fahrendes Auto oder spielende Kinder. Du verwischst den Hintergrund, das Motiv bleibt (hoffentlich) scharf. Das Ergebnis ist oft dynamisch und abstrakt.
- Motivbewegung: Bei schlechtem Licht kannst du ein Motiv (z. B. eine Lampe) lange belichten. Während der Belichtung drehst du das Objektiv langsam oder schnell. Die Lichtquelle wird zu einem leuchtenden Kreis oder Streifen.
- Langsames Schütteln: Halte die Kamera auf ein statisches Motiv (z. B. eine Mauer) und schüttle sie sanft, während du auslöst. Das erzeugt eine subtile, fast traumartige Verzerrung.
Nützliche Quellen
Hier ist eine kuratierte Liste von Links, die dir alles über Abstrakte Kunst Fotografie: Faszination und Technik verrät.
Die Macht der Tiefenschärfe und des Fokus
Was passiert, wenn du den Fokus komplett verfehlst? Meistens ist das ärgerlich. In der abstrakten Fotografie ist es ein kreativer Akt. Wenn du extrem nah an ein Detail herangehst – zum Beispiel die Struktur eines Blattes – und bewusst so weit außerhalb des Fokus fotografierst, dass nur noch Farbflecken und Licht entstehen, wird das Bild rein abstrakt. Diesen Effekt nenne ich oft „Fokus auf das Nicht-Sehen“.
Nutze eine sehr weite Blende (kleine Blendenzahl wie f/1.8 oder f/2.8). Das erzeugt eine extrem geringe Tiefenschärfe. Nur ein winziger Teil ist scharf, der Rest verschwimmt zu weichen Farbflächen. Das ist ideal, um Lichtreflexionen oder Bokeh-Effekte zu isolieren.
Reflexionen und Transparenz nutzen
Wasser, Glas und spiegelnde Oberflächen sind deine besten Freunde bei der abstrakten Fotografie mit Spiegelungen. Sie vervielfachen, verzerren und überlagern die Realität.
- Geh mit deiner Kamera tief zum Boden. Fotografiere die Spiegelung eines Baumes oder Gebäudes in einer Pfütze. Die Verzerrung durch die Unebenheit des Wassers macht das Bild sofort interessant.
- Fotografiere durch ein Fenster, das nass ist oder beschlagen. Die Wassertropfen wirken wie Linsen und brechen das Licht der dahinter liegenden Welt auf unvorhersehbare Weise.
Bearbeitung: Der letzte Pinselstrich
Die Nachbearbeitung ist bei abstrakter Fotografie oft genauso wichtig wie die Aufnahme selbst. Hier verfeinerst du die Stimmung und verstärkst die visuellen Reize.
Denk daran: Beim Abstrahieren geht es darum, die Realität zu vereinfachen. In der Bearbeitung machst du genau das weiter:
- Kontrast und Klarheit: Spiele damit. Manchmal hilft es, den Kontrast massiv zu erhöhen, um harte Linien zu betonen. Manchmal ist es besser, die Klarheit zu reduzieren, um weiche, malerische Übergänge zu erzeugen.
- Farbe intensivieren: Wenn du dich auf Farbe konzentrierst, übertreibe ruhig. Sättige die Farben, bis sie fast unnatürlich wirken, oder entziehe ihnen fast alle Farbinformationen, um eine monochrome, texturgetriebene Aufnahme zu schaffen.
- Ausschnitt finden: Oftmals ist das beste abstrakte Foto nur ein kleiner Teil des eigentlichen Bildes. Beim Zuschneiden (Cropping) kannst du den Blick des Betrachters lenken und unerwünschte „störende“ Ränder entfernen, die zu viel Realität preisgeben. Suche nach dem besten quadratischen oder rechteckigen Ausschnitt, der die Spannung hält.
Zweifel sind normal. Wenn du dein Bild betrachtest und denkst, es sieht zu sehr nach einem Fehler aus, halte kurz inne. Ist der Fehler interessant? Hat er eine eigene Ästhetik? Wenn ja, dann ist es Kunst. Wenn nein, probiere die nächste Einstellung.



