Du stehst vor deiner Kamera, vielleicht ist es eine analoge Spiegelreflex oder dein Smartphone, und du fragst dich: Was soll ich eigentlich fotografieren? Viele Kreative fühlen sich irgendwann festgefahren. Du schaust dir Bilder von Künstlern an und denkst, die haben diesen einen, ungreifbaren Blick. Einer dieser Namen, der immer wieder auftaucht, wenn es um Selbstinszenierung und die Frage nach der Identität geht, ist der der berühmten Fotografin. Die Cindy Sherman Fotografie ist mehr als nur ein Stil; sie ist eine Haltung. Lass uns heute gemeinsam anschauen, was diese Arbeiten so besonders macht und wie du vielleicht ein Stück dieser Denkweise in deine eigene Fotografie bringen kannst, ohne direkt zu versuchen, sie zu kopieren.
Die Faszination der Verwandlung: Was macht die Cindy Sherman Fotografie aus?
Vielleicht hast du schon einmal ihre berühmten Serien gesehen. Frauen in seltsamen Posen, mal glamourös, mal total verunstaltet, oft mit sehr künstlichem Make-up. Das erste, was dir vielleicht auffällt, ist, dass die Person auf den Bildern immer dieselbe zu sein scheint, aber gleichzeitig völlig anders wirkt. Genau das ist der Kern ihrer Arbeit. Sie benutzt sich selbst als Modell, aber sie ist nie wirklich „sie selbst“ auf dem Bild. Sie spielt Rollen.
Wenn du dich fragst, wie du diese Tiefe in deine Bilder bringst, denk darüber nach, was du zeigen möchtest. Viele Anfänger oder auch Fortgeschrittene fokussieren sich nur auf die Technik – die richtige Belichtung, die scharfe Linse. Bei der Cindy Sherman Fotografie geht es um die Geschichte, die das Bild erzählt, lange bevor du überhaupt den Auslöser drückst.
Das Selbstporträt als Maske
Das Tolle an ihrem Ansatz ist, dass sie die Idee des traditionellen Selbstporträts komplett auf den Kopf stellt. Ein normales Selbstporträt zeigt, wie du dich siehst. Ihre Bilder zeigen, wie die Gesellschaft Frauen sieht, wie sie sich verkleiden, um bestimmten Erwartungen zu entsprechen. Denk an das Klischee der Hausfrau, der Filmdiva der 50er Jahre oder der tragischen Figur in einem schlechten B-Movie. Sie nimmt diese Bilder, die wir alle schon irgendwo gesehen haben, und verstärkt sie bis zur Karikatur.
Hier ein praktischer Tipp für dich: Versuche beim nächsten Shooting nicht, „gut“ auszusehen. Versuche, eine Rolle zu spielen, die dir vielleicht unangenehm ist. Nimm eine Figur aus einem Film, den du liebst, und versuche, deren Energie einzufangen, nicht nur deren Aussehen. Das ist der erste Schritt in Richtung konzeptueller Fotografie, die von der Cindy Sherman Ästhetik inspiriert ist.
Techniken, die helfen, deine Rolle zu finden

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Künstlerin sehr bewusst mit ihren Mitteln umgeht. Sie arbeitet oft mit einfachen Mitteln, um maximale Wirkung zu erzielen. Du brauchst nicht unbedingt teures Equipment, aber du brauchst eine klare Vision. Wenn du anfängst, dich mit dem Thema Selbstporträt als Kunstform zu beschäftigen, wirst du sehen, dass Details entscheidend sind.
Die Macht der Verkleidung und des Make-ups
Das wichtigste Werkzeug ist oft die Verkleidung. Perücken, Kostüme, falsche Zähne oder übertriebenes Make-up sind ihre Leinwand. Du musst dich nicht komplett verkleiden, aber überlege, welche Accessoires oder welche Art von Kleidung eine bestimmte Stimmung transportieren. Wenn du zum Beispiel eine Figur darstellen willst, die einsam ist, könntest du dich fragen: Welche Kleidung würde jemand tragen, der seit Tagen nicht das Haus verlassen hat? Vielleicht ein zu großer, alter Pullover und ein unordentlicher Dutt.
- Lichtsetzung: Oft nutzt sie hartes, direktes Licht. Dieses Licht wirft tiefe Schatten und betont jede Hautunreinheit oder jede falsche Wimper. Es wirkt ungeschönt und ehrlich – auch wenn es eine Lüge darstellt. Spiele mit einer einzelnen, starken Lichtquelle, um Dramatik zu erzeugen.
- Hintergründe: Die Hintergründe sind selten zufällig. Manchmal sind sie billig und offensichtlich gestellt (ein schlecht gemaltes Bühnenbild), manchmal sind sie so generisch, dass sie fast verschwinden und die Figur umso mehr hervorstechen lassen.
- Posen und Mimik: Hier liegt die eigentliche Kunst. Schau dir Bilder an, die du im Kopf hast, wenn du an Cindy Sherman Fotografie denkst. Die Blicke sind oft leer, herausfordernd oder leicht irritiert. Übe vor dem Spiegel, wie es sich anfühlt, eine „falsche“ Emotion darzustellen.
Wenn du denkst, du hast keine Ideen mehr: Inspiration für deine eigenen Serien
Ein häufiges Problem ist die Ideenfindung. „Ich weiß nicht, was ich fotografieren soll“ – das hört man oft. Die Künstlerin arbeitet in Serien. Das hilft, eine Idee zu vertiefen, anstatt ständig etwas Neues anfangen zu müssen. Wie kannst du das für dich nutzen? Finde ein Thema, das dich persönlich triggert oder verwirrt.
Vielleicht nerven dich bestimmte Werbeanzeigen, die dir zeigen, wie eine „perfekte“ junge Frau auszusehen hat. Dann ist das dein Ausgangspunkt. Dein Projekt könnte sein: „Die 10 Arten, wie Werbung Lügen über Jugend erzählt.“ Das ist ein konkretes Ziel für eine Fotoserie, die sich mit Identität und Medienbildern auseinandersetzt.
Denk an alltägliche Situationen, die du fotografisch überhöhen kannst:
- Der Moment im Supermarkt: Wie sieht die Person aus, die nur Milch kauft und dabei verzweifelt wirkt?
- Die Wartende: Wie sieht jemand aus, der seit einer Stunde auf den Bus wartet und langsam die Geduld verliert?
- Die Künstlerin bei der Arbeit: Stelle dich selbst als übertrieben komplizierte, künstlerische Figur dar, die gerade künstlerische Blockade hat.
Diese Übungen helfen dir, dich vom Zwang zu befreien, „dein“ Gesicht zu zeigen. Es geht darum, die vielen Gesichter zu erkunden, die wir alle tragen, bewusst oder unbewusst. Das ist die Essenz der Cindy Sherman Ästhetik – die Dekonstruktion der Oberfläche.
Zweifel sind normal: Der Umgang mit Kritik und Unsicherheit
Wenn du anfängst, dich so intensiv mit Selbstporträts und Rollenspielen auseinanderzusetzen, wirst du wahrscheinlich Unsicherheit erleben. „Sehe ich damit lächerlich aus?“ „Versteht das überhaupt jemand?“ Diese Fragen sind absolut normal. Die Künstlerin selbst hat oft mit Interpretationen ihrer Arbeit zu kämpfen, weil sie bewusst mehrdeutig ist.
Wenn du Zweifel hast, frage dich, ob du dein ursprüngliches Ziel erreicht hast. Ging es darum, eine bestimmte Rolle überzeugend darzustellen? Wenn ja, dann ist es egal, ob es „schön“ oder „gelungen“ im klassischen Sinne ist. Es ist gelungen, wenn es die Rolle transportiert.
Die Cindy Sherman Fotografie provooriert. Deine Bilder dürfen das auch. Wenn du dich fragst, wie du deine Bilder „anspruchsvoller“ machst, versuche, bewusst etwas zu integrieren, das dich selbst verstört oder irritiert. Dieses Unbehagen ist oft der Schlüssel zu tieferer künstlerischer Aussage.



