Du stehst vor deiner Kamera und fragst dich, wie du eigentlich noch spannendere, fast surreale Bilder erschaffen kannst? Du hast die Grundlagen der Fotografie drauf, aber jetzt suchst du nach dem gewissen Etwas, dem Blick hinter den Schleier des Sichtbaren? Dann bist du beim Thema Infrarot fotografie genau richtig gelandet. Viele denken, das sei kompliziert oder nur etwas für Spezialisten. Lass mich dir zeigen: Das ist es nicht. Infrarotfotografie öffnet dir eine völlig neue Welt, in der grüne Blätter weiß leuchten und der Himmel dramatisch dunkel wird. Es geht darum, Licht zu sehen, das dein Auge nicht wahrnimmt. Bleib dran, ich erkläre dir Schritt für Schritt, wie du diese faszinierende Technik für dich nutzen kannst.
Was ist infrarot fotografie überhaupt?
Ganz einfach gesagt: Normale Fotografie fängt das Licht ein, das wir sehen können – das sichtbare Spektrum. Wenn du einen Baum fotografierst, siehst du das Grün der Blätter. Infrarot fotografie (oft kurz als IR-Fotografie bezeichnet) ignoriert dieses sichtbare Licht und konzentriert sich auf die Lichtwellen, die direkt daran anschließen: die Infrarotstrahlung. Diese Strahlung ist für uns Wärme, aber die Kamera nimmt sie als Lichtquelle wahr.
Das Erstaunliche dabei ist, wie unterschiedlich Materialien auf dieses unsichtbare Licht reagieren. Kennst du das Phänomen, dass deine Kamera plötzlich völlig andere Farben aufnimmt, als du erwartest? Das ist der Reiz. Laub und Pflanzen reflektieren Infrarotlicht extrem stark. Deshalb erscheinen sie auf dem Bild nicht grün, sondern oft strahlend weiß. Wasser hingegen absorbiert Infrarotlicht stark und wirkt dunkel oder sogar pechschwarz. Himmel, der viel Dunst oder Feuchtigkeit enthält, wird ebenfalls dunkler. Das führt zu diesen typischen, fast mystischen Schwarz-Weiß- oder Falschfarben-Aufnahmen, die du vielleicht schon gesehen hast.
Welche arten der infrarot umwandlung gibt es für dich?
Bevor du loslegst, musst du entscheiden, welchen Weg du gehen möchtest. Es gibt grundsätzlich drei gängige Methoden, um mit Infrarot zu fotografieren. Jede hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, besonders wenn du deine Spiegelreflex- oder spiegellose Kamera nutzen möchtest, um infrarot bilder zu erstellen.
- Der einfache Weg: Infrarot-Filter
Das ist die unkomplizierteste Methode für den Einstieg in die Infrarot fotografie. Du schraubst einen speziellen Infrarotfilter direkt vor dein Objektiv. Stell dir das vor wie einen extrem dunklen Sonnenbrandfilter. Dieser Filter blockiert fast das gesamte sichtbare Licht und lässt nur die Infrarotstrahlen durch, die deine Kamera registriert. Der Nachteil? Du siehst durch den Sucher oder auf dem Display fast nichts mehr, weil es stockdunkel ist. Du musst dich komplett auf das Stativ und das Belichtungsmessen verlassen. Für viele ist das ein guter Start, weil du deine vorhandene Ausrüstung nutzen kannst.
- Der flexible Weg: Kamera-Umbau (Full Spectrum Umbau)
Wenn du regelmäßig und unkompliziert mit IR arbeiten willst, überlegst du vielleicht, deine Kamera umbauen zu lassen. Dabei wird der interne Schutzfilter vor dem Sensor entfernt. Das macht deine Kamera empfindlicher für das gesamte Spektrum, also auch für UV- und Infrarotlicht. Mit dieser Methode kannst du dann mit verschiedenen Filtern (z.B. einem 720nm oder 850nm Filter) experimentieren, ohne ständig lange Belichtungszeiten in Kauf nehmen zu müssen. Es ist eine Investition, aber sie gibt dir maximale Freiheit bei der kreativen Infrarot aufnahme.
- Der schnelle Weg: Dedizierte IR-Kameras
Manche Fotografen kaufen eine zweite, ältere Kamera, die sie dauerhaft für Infrarot umbauen lassen oder die von Haus aus schon empfindlicher ist. Das ist praktisch, weil du nicht ständig Objektive wechseln oder Filter montieren musst, wenn du schnell zwischen sichtbarem Licht und Infrarot wechseln willst. Für ambitionierte Hobbyisten ist das eine Überlegung wert, wenn das Budget es zulässt.
Deine erste infrarot aufnahme: praktische tipps für den start
Du hast dich entschieden, mit einem Filter zu starten? Großartig! Jetzt geht es ans Praktische. Viele Anfänger sind frustriert, weil die ersten Bilder unscharf oder zu dunkel werden. Das liegt oft an den Einstellungen, die du für normales Tageslicht gewohnt bist.
Das stativ ist dein bester freund

Da die IR-Filter das meiste Licht blockieren, brauchst du längere Belichtungszeiten. Selbst an einem sonnigen Tag kann das eine halbe Sekunde oder länger sein. Ohne Stativ werden deine Bilder wackelig. Nutze immer ein stabiles Stativ. Das nimmt dir den Druck, schnell sein zu müssen, und erlaubt dir, dich auf die Komposition zu konzentrieren.
Fokus und belichtung meistern
Das ist der schwierigste Teil beim Fotografieren mit fest montiertem IR-Filter (z.B. 720nm). Dein Autofokus funktioniert oft nicht mehr richtig, weil der Sensor nur noch Infrarotlicht sieht. Du musst manuell fokussieren. Hier ein Trick:
- Fokussiere dein Objekt im sichtbaren Licht scharf (z.B. auf einen Baum in der Ferne).
- Stelle den Fokusring auf manuell um, damit er sich nicht mehr bewegt.
- Setze den IR-Filter auf.
- Mache eine Testaufnahme mit einer mittleren Belichtungszeit (z.B. 1/30 Sekunde).
- Überprüfe das Bild auf dem Display und korrigiere den Fokus minimal nach, bis es perfekt scharf wirkt.
Was die Belichtung angeht: Beginne mit der manuellen Einstellung. Bei einem 720nm Filter musst du oft um zwei bis vier Blendenstufen länger belichten, als du es bei normalem Licht tun würdest. Wenn du sonst bei f/8 mit 1/125 Sekunde fotografieren würdest, probiere mal f/8 mit einer Sekunde bei hellem Sonnenschein.
Die richtige wahl des infrarot filters
Die Wellenlänge des Filters entscheidet, wie dein Bild aussehen wird. Das ist wichtig für deine Wahl, wenn du eine tolle Infrarot landschaftsfotografie anstrebst.
- 590nm (oft gelb/orange): Erzeugt Falschfarben, gibt einen leichten „Warmlight“-Effekt. Noch viel sichtbares Licht kommt durch.
- 720nm (der Standard): Der beliebteste Filter. Blockiert fast das gesamte sichtbare Licht. Blätter werden weiß, Himmel dunkelblau/schwarz. Perfekt für dramatische Schwarz-Weiß-Aufnahmen.
- 850nm und mehr: Lässt fast nur reines Infrarot durch. Die Kamera muss sehr lange belichten, die Ergebnisse sind oft sehr dunkel und erfordern viel Nachbearbeitung. Gut für sehr spezifische Effekte.
Nachbearbeitung: hier entsteht die magie der infrarot fotografie
Deine Kamera nimmt im Grunde nur Graustufen auf, selbst wenn du im JPG-Format speicherst. Die echten „Farben“ der Infrarotwelt entstehen erst in der Nachbearbeitung am Computer. Hier wird die eigentliche Transformation vollzogen, die deine Aufnahmen so einzigartig macht.
Der weißabgleich ist der schlüssel
Wenn du mit einem 720nm Filter fotografierst und deine Kamera auf Auto-Weißabgleich eingestellt hast, sehen die Bilder meist grünlich oder seltsam aus. Du musst dem Bild sagen, was „Weiß“ ist. Das machst du im RAW-Konverter (z.B. Lightroom oder Capture One).
Der wichtigste Schritt bei der Post-Produktion ist der Kanaltausch. Im Grunde vertauschst du die Farbkanäle Rot und Blau. Das klingt technisch, aber die Anwendung ist simpel:
- Öffne dein RAW-Bild.
- Gehe in die Farbmodi oder den Weißabgleich-Regler.
- Vertausche die Kanäle (oftmals gibt es dafür eine spezielle Einstellung oder du musst die Kanäle manuell verschieben).
Wenn du den Rot- und Blau-Kanal tauschst, passiert Folgendes: Die Blätter, die stark Infrarot reflektiert haben (und nun als „Rot“ interpretiert werden), werden blau. Der Himmel, der weniger reflektiert hat und oft als „Blau“ interpretiert wurde, wird rot oder magenta. Das Ergebnis sind die berühmten „falschen Farben“ der Infrarot fotografie, bei denen blaue Himmel und weiße Bäume entstehen. Wenn du das Bild im Anschluss in Schwarz-Weiß umwandelst, hast du immer noch dramatische Kontraste, da die Helligkeitswerte jetzt völlig anders verteilt sind als in der normalen Fotografie.
Tipps zur bearbeitung für dramatische wirkung
Wenn du den Falschfarben-Look nicht magst und reine Schwarz-Weiß-Bilder bevorzugst, nutze den Kanaltausch trotzdem, um die Helligkeitskontraste zu optimieren.
- Kontrast erhöhen: Infrarotbilder vertragen oft einen sehr hohen Kontrast. Die tiefen Schwarztöne des Wassers und die leuchtenden Weißtöne des Laubs wirken dadurch noch intensiver.
- Klarheit und Struktur: Spiele mit den Klarheit-Reglern. Infrarotlicht neigt dazu, feine Details weicher darzustellen. Durch leichte Anhebung der Struktur kommen die feinen Linien im Laub wieder hervor.
- Dunkler Himmel: Wenn dein Himmel nicht so dramatisch dunkel wird, wie du es dir wünschst, ziehe den Blau- oder Cyan-Regler im Schwarz-Weiß-Konverter stark nach unten, um diesen Bereich weiter abzudunkeln.



