Fühlst du manchmal, dass deine Fotos einfach nicht das ausdrücken, was du eigentlich meinst? Du schaust dir Bilder an, die eine bestimmte Stimmung oder einen klaren Gedanken transportieren, und fragst dich, wie die Fotografen das hinbekommen haben. Oft liegt die Antwort nicht in der teuersten Kamera, sondern in einer bewussteren Herangehensweise an das Bild selbst. Genau darum geht es bei der konkreten Fotografie: Es geht darum, sichtbar zu machen, was sonst unsichtbar bleibt, und deine Botschaft direkt auf den Punkt zu bringen.
Was bedeutet konkrete fotografie überhaupt?
Lass uns das Wort „konkret“ aufdröseln. Konkret heißt, dass etwas greifbar, fest und eindeutig ist. Wenn du fotografierst, versuchst du im Grunde, eine Idee, ein Gefühl oder eine Beobachtung in ein zweidimensionales Bild zu übersetzen. Bei der konkreten Fotografie bedeutet das, dass du dich aktiv darum kümmerst, dass dein Bild nicht nur schön aussieht, sondern auch eine klare, fokussierte Aussage trifft. Es geht darum, das Motiv so zu behandeln, dass keine unnötigen Fragen offenbleiben oder der Betrachter abgelenkt wird.
Viele Anfänger machen den Fehler, zu viel in ein Bild packen zu wollen. Sie wollen das tolle Licht, die interessante Textur, die emotionale Pose und die besondere Umgebung gleichzeitig festhalten. Das Ergebnis ist oft ein Bild, das zwar technisch in Ordnung ist, aber keine klare Linie hat. Die konkrete Fotografie lehrt dich, dich zu entscheiden. Sie hilft dir, den Fokus zu schärfen – und damit meine ich nicht nur die Schärfe des Objektivs.
Der Unterschied zur abstrakten Fotografie
Es ist wichtig, die konkrete Fotografie nicht mit der abstrakten Fotografie zu verwechseln. Abstrakte Bilder spielen oft mit Formen, Farben und Texturen, ohne dass man sofort erkennt, was das ursprüngliche Motiv war. Denke an extreme Nahaufnahmen von Rost oder an verschwommene Lichter. Diese Bilder sind offen für Interpretationen. Konkrete Fotografie hingegen liefert eine klare Aussage. Wenn du zum Beispiel ein Bild von einem einzelnen, perfekt geformten Apfel machst, der auf einer weißen Fläche liegt, ist das konkret. Jeder versteht sofort: Hier geht es um diesen Apfel und seine Form.
Praktische Grundlagen für deine klare Bildsprache

Um wirklich konkrete Ergebnisse zu erzielen, musst du einige bewusste Entscheidungen treffen, bevor du den Auslöser drückst. Diese Entscheidungen helfen dir, deine Botschaft zu verdichten.
VIDEO: Konkrete Fotografie: Gibt es eine Zukunft fr das reine Foto?
1. Motivauswahl: Weniger ist mehr
Der wichtigste Schritt beginnt bei der Wahl deines Hauptmotivs. Was genau möchtest du zeigen? Sei gnadenlos beim Aussortieren. Wenn ein Element im Bild nicht direkt die Geschichte deines Hauptmotivs unterstützt, gehört es heraus. Frage dich: Wenn ich dieses Element entferne, verliert das Bild dann an Bedeutung? Wenn die Antwort „Nein“ ist, lass es weg.
Ein gutes Beispiel für die Anwendung dieser Regel ist die Dokumentation von Architektur. Anstatt die gesamte Fassade zu zeigen, konzentrierst du dich nur auf ein Fenster und dessen Spiegelung. Das wird sofort zum Thema: das Zusammenspiel von Glas und Licht, nicht die Geschichte des gesamten Gebäudes. Das Üben der „reduzierten Bildsprache“ ist zentral für die Entwicklung deiner Fähigkeit in der konkreten Fotografie.
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2. Der Hintergrund: Ruhe als Werkzeug
Ein unruhiger Hintergrund ist der größte Feind der Klarheit. Wenn dein Motiv von zu vielen Details umgeben ist, konkurrieren diese Details mit dem eigentlichen Star deines Bildes. Hier kommen einfache Techniken ins Spiel, die jeder sofort anwenden kann.
- Blende öffnen: Nutze eine große Blendenöffnung (kleine Blendenzahl wie f/2.8 oder f/4). Das erzeugt eine geringe Schärfentiefe. Dein Motiv bleibt scharf, der Hintergrund verschwimmt sanft. Das ist ideal, um dein Thema freizustellen.
- Hintergrund wechseln: Manchmal ist die Lösung so einfach wie ein Schritt zur Seite. Suche eine Wand, die eine einheitliche Farbe hat, oder nutze den Himmel als neutralen Hintergrund.
- Perspektive ändern: Wenn du tief oder sehr hoch fotografierst, kannst du oft Störungen im Hintergrund vermeiden, indem du den Boden oder den Himmel dominieren lässt.
3. Linien und Formen: Die Struktur deiner Aussage
Konkrete Fotografie liebt Struktur. Dein Auge sucht im Bild nach Mustern, Linien und Formen, die es führen können. Wenn du Linien bewusst einsetzt, lenkst du den Blick des Betrachters direkt zu dem Punkt, den du hervorheben möchtest.
Stell dir eine Reihe von Bäumen im Winter vor. Die senkrechten Stämme bilden starke vertikale Linien. Wenn du nun eine einzelne, markante horizontale Bank davor platzierst, entsteht ein starker Kontrast. Diese klare geometrische Anordnung ist das, was die konkrete Fotografie stark macht. Es geht darum, wie die Elemente im Rahmen zueinander stehen und welche geometrischen Beziehungen sie eingehen.
Licht und Schatten als Verstärker der Botschaft
Licht ist nicht nur dazu da, dein Motiv sichtbar zu machen. Licht und Schatten sind mächtige Werkzeuge, um Tiefe und Dramatik zu erzeugen und so die Aussage zu verstärken. Bei der konkreten Fotografie nutze ich Licht oft, um nur einen Teil des Motivs hervorzuheben.
Hartes Licht für Kanten und Konturen
Wenn du hartes, direktes Licht hast – zum Beispiel Mittagslicht oder eine starke Studioleuchte – nutze das! Hartes Licht erzeugt tiefe, scharfe Schatten. Diese Schatten trennen das Objekt klar vom Hintergrund und betonen seine Kanten und seine Dreidimensionalität. Das ist perfekt, wenn du die Textur einer Oberfläche oder die präzise Silhouette eines Objekts festhalten willst. Denke an das Spiel von Licht und Schatten auf einer alten Ziegelwand; das Licht schneidet die Formen heraus.
Das Spiel mit der Silhouette
Manchmal ist die beste Art, konkret zu sein, zu zeigen, was nicht da ist. Eine Silhouette entsteht, wenn du dein Motiv von hinten beleuchtest und es selbst dunkel bleibt. Das reduziert das Motiv auf seine reine Form. Wenn du zum Beispiel einen Baum vor einem sehr hellen Sonnenuntergang fotografierst, sieht der Betrachter nur die Umrisse. Die Identität des Baumes spielt keine Rolle mehr; nur seine Form zählt. Das ist hochgradig konkret, da du nur die äußerste Grenze des Motivs darstellst.
Bildbearbeitung: Der letzte Schliff für die Klarheit
Auch in der Nachbearbeitung bleibt die Maxime der Konkretheit bestehen. Hier geht es nicht darum, Farben zu übertreiben, sondern darum, die bereits getroffene Entscheidung im Bild zu festigen.
- Entferne Ablenkungen: Schaue kritisch auf den Rand deines Bildes. Gibt es dort dunkle Flecken, helle Reflexionen oder kleine Äste, die nichts zur Hauptaussage beitragen? Nutze einfache Retuschewerkzeuge, um diese Störenfriede zu entfernen.
- Kontrast erhöhen: Ein leicht erhöhter Kontrast hilft, die Trennung zwischen Motiv und Hintergrund zu verstärken. Das macht die Formen kantiger und die Aussage direkter. Sei hier aber vorsichtig – zu viel Kontrast lässt Details in Schwarz oder Weiß absaufen.
- Farbreduktion: Manchmal lenkt zu viel Farbe ab. Überlege, ob eine Schwarz-Weiß-Umwandlung die Form und Struktur deines Motivs nicht viel stärker in den Vordergrund rückt. Schwarz-Weiß zwingt den Betrachter, sich auf Tonwerte, Linien und Kontraste zu konzentrieren – das ist gelebte Konkretheit.
Wenn du das nächste Mal deine Kamera in die Hand nimmst, versuche, dir vorher genau zu überlegen: Was ist die eine Sache, die ich heute erzählen möchte? Konzentriere dich darauf, diese eine Sache mit allen Mitteln – Licht, Komposition und Bearbeitung – zu untermauern. Du wirst sehen, wie viel stärker und direkter deine Bilder werden, wenn du diesen Weg der konkreten Fotografie einschlägst.



